Autor: Kassebeer, Friedrich. 
   Das Attentat einen Orden aus der regierung  :   
 Die Umbildung des spanischen Kabinetts wiirkte auf viele Gefolgsleute des ermordeten Ministerpräsidenten Carrero Blanco wie ein Donnerschlag. 
 Süddeutsche Zeitung.    05/01/1974.  Páginas: 1. Párrafos: 6. 

Das Attentat fegt einen Orden aus der Regierung

Die Umbildung des spanischen Kabinetts wirkte auf viele Gefolgsleute des

ermordeten Ministerprasidenten Carrero Blanco wie ein Donnerschlag

Von unserem Korrespondenten Friedrich Kassebeer

Madrid, 4. Jaguar

Francos Leibarzt Vicente Gil hat nach eigehem Bekunden die ,,schlechte

Gewohnheit", ¡edén Abend bei Don Carlos Arias Navarro hereinzuschauen und ein

Glas Wein zu trinken. Die groBe Villa mit den vielen Jagdtrophaen des früheren

Madrider Bürgermeisters und bisherigen Innenministers liegt nicht weit vom

PardoPalast des spanischen Staatschefs. Der Leibarzt stets bei Arias, Arias oft

bei Franco und dem Caudillo auch zu Diensten beim Ausbau der monstrosen

Hauptstadt Madrid — diese innige Verbindung führte nach Meinung von Kennern des

Regimes zwangsláufig zur Ernennung von Carlos Arias zum Ministerprasidenten,

wahrend andere Auguren das für ausgeschlossen gehalten hatten. Die Londoner

Financial Times führte das zu dem kühnen SchluB, der Innenminister als

Hauptverantwortlicher für die Sicherheitskrafte, die das Attentat der baskischen

ETA auf Regierungschef Carrero Blanco nicht verhindern konnten, werde ais

einziger mit Sicherheit nicht Ministerprásident werden.

Der 82jahrige Franco ist immer noch für eine Uberraschung gut. Arias oftgehórte

Schwüre auf den Caudillo und dessen nationale Einheitsbewegung, seine Verdienste

ais Staatsanwalt, Zivilgouverneur und spanischer Polizeichef bei der

Stabilisierung des Regimes gegen seine Feinde bedeuten für Franco Kontinuitat.

Arias erschien zur Vereidigung im Pardo als erster Regierungschef seit dem

Bürgerkrieg in Zivil, nicht in Generáls - oder gar Falange-Uniform, denn er will

keiner bestimmten politischen Richtung im System zugerechnet werden. Das

Leitwort Kontinuitat schien auch zu verbürgen, daB der neue Chef nur wenig in

der erst vor einem halben Jahr gebildeten Regierung seines Vorgángers Carrero

andern werde, deren Minister sich mit ihrem zahlreichen Gefolge gerade erst

eingenistet hatten.

Dann aber wurden Madrids politische Zirkel plotzlich von der Warnung

hochgeschreckt, dab radikaler Wechsel bevorstünde, dab den Carrero-Zoglingen im

Kabinett, den Technokraten und dem Opus Dei, die letzte Stunde geschlagen habe.

Ungláubig beruhigten andere, es werde bei drei oder vier Neuernennungen bleiben.

Jedenfalls wurde im Haushalt manches ministrablen Herrn das Telephonieren

verboten, damit man nur keinen Anruf von oben verpaBte. Die Bekanntgabe der

Ministerliste am Donnerstagnachmittag war dann für viele ein betaubender

Donnerschlag: ,,Der bedeutendste Regierungswechsel wahrend des Regimes",

kommentierte Yo, das Blatt der Bischofskonferenz, vorsichtig. Es bestehe kein

Zweifel, daB Carlos Arias den radikalen Wechsel befohlen habe. Die Carrero-

Mannschaft und an ihrer Spitze der führende Mann des katholischen Laienordens

Opus Dei, AuBenminister López Rodó, wurden aus den Amtern gefegt:

Industrieminister López de Letona, Handelsminister Cotorruelo, Informa-

tionsminister Liñan und der Minister im Regierungsprásidium, Gamazo, wurden

gefeuert, dazu der Minister für offentliche Arbeíten, Fernandez de la Mora, der

wie kein anderer jahrelang den Bau privater, gewinntráchtiger Autobahnen ais

Errungenschaft des Regimes bejubelt hatte. Es flog sogar der nach Carreros

Ermordung amtierende falangistische Vizeprásident Fernandez-Miranda, der gerade

die politische Beteiligung der Bürger am System besser organísieren sollte.

Der Ministerprásident, als Anhánger des Teamwork bekannt, der seinen

Mitarbeitern aber nicht den kleinsten Fehler nachsieht, holte Freunde und

Bekannte mit Erfahrungen im Polizeidienst und in der Provinz- und Gemein-

deverwaltung ins Kabinett, beispielsweise José García Hernández, bisher

Vorsitzender der Haushaltskommission des Stádteparlaments und Chel der

spanischen AuBenhandelsbank, ais Innenminister und Vizeprasidenten sowie den

çIngenieur Valdés González, der ihm in seiner Zeit als Madrider Bürgermeister

HochstraBen und Tiefgaragen gebaut hatte, als Minister für offentliche Arbeiten.

Finanzminister Barrera, der seinen Sessel behielt und seine Steuerreform

vielleicht weitertreiben darf, empfahl als neuen Industrieminister erfolgreich

seinen ehemaligen Stellvertreter in der Telephongesellschaft, Santos Blancos.

Beziehungen spielten eine groBe Rolle. Es hielten sich im Kabinett unter anderem

Land-wirtschaftsminister Tomas Allende, ein ExFalangist, der heute gemaBigt

liberal erscheint und aus Spanien die führende Viehzüchternaüon Europas machen

will, und der Benjamín der Regierung, der 42jáhrige Cruz Martínez, der vom

Planungs- ins Erziehungsministerium wechselte und nun bei der Aufsicht über die

unruhigen Universitáten beweisen kann, ob seine Empfehlungen, in Spanien ,,die

Furcht vor der Freiheit zu besiegen" und das Franco-Regime durch politische

Vereinigungen auf zulockern, zu verwirklichen sind.

Sauertópfisch reagierten die Monarchisten in ihrem Leib- und Magenblatt ABC auf

den Kabinettswirbel, da — laut Kommentar dieser Zeitung — das Prinzip der

Kontinuitat nicht befolgt worden sei und zu viele Minister geweehselt hatten.

Offenbar sehen die Kónigstreuen zu weníg Anhánger von Prinz Juan Carlos in der

Regierung. Auch die sogenannte christlich-demokratische Richtung, die beim

Ubergang zur Monarchie auf neuen EinfluB hofft, blieb ausgeschaltet. Dafür sind

einige Befürworter der politischen Vereinigungen innerhalb der Einheitsbewegung,

deren Gründung noch umstritten ist, zu erkennen.

Falangisten mehrerer Spielarten und Karrieristen der Einheitsbewegung

beherrschen das Bild. ,,Mehr Ultras als vorher", sagt ein Beobachter. Ein

anderer widerspricht: ,,Einige sind für Lockerung." Spanien wartet.

 

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