Franco und der Vatikan     
 
 Süddeutsche Zeitung.    09/10/1949.  Páginas: 1. Párrafos: 7. 

Samstag/Sonntag, 8./9. October 1949

Franco und der Vatikan Vor einem neuen Konkordat / Der Einflub katholischer

Organitationen ín Spanien Von unserem Korrespondenten Enrique Barth.

Madrid, Anfang Oktober

Die von vielen und meist irrigen Gerüchten Umschwirrten Bezíehungen Spaniens zum

Hl. Stuhl sind jetzt ofienbar in eine entscheidende Phase getreten. In

unterrichteten Madrider Kreisen sieht man gespannt den Resultaten der

Rücksprache entgejen, die der unvermutet nach Rom gerufene Nuntius bei der

Franco-Regierung, Msgre. Cicognani, gegenwartig im Vatikan hat. Es scheint, daB

der lang erwartete Augenblick für den AbschluB des spanischen Konkordates mit

dom H1. Stuhl jetzt in unmittelbare Náhe gerücat ist. Seine Unterzeichnung ware

ein bedeutsames internationales Ereignis, das nachdrücklich bestátigen würde,

daB der Vatikan, der niemals am diplomatisehen Boykott gegen Franco veilgenommen

hat, jetzt den Moment-für gekommen halt, dem Regime noch deutlicher ais bisber

seine Anerkennung für das weitgehende Entgegenkommen gegenüber der katholischen

Kirche auszudrücken.

Noch wichtiger aber ware angesichts der einmaligen Sonderstellung, die der

Katholizismus als Staatsréligion in Spanien hat, der Abschlu des Konkordates in

innenpolitischer Hinsicht. Neben dem vielhundertjahrigen portugiesisch-

britischen Bündnis ist der Vertrag, der bisher das spantsche Verhaltnis zum

Vatikan regelte, wohl die alteste heute noch wirksame zwischenstaatljche

Abmachung der Welt. Allerdings hat dieses Konkordat, das von 1851 stammt, im

Laufe eines runden Jahrhunderts, über die Zeiten von Monarchie, Diktatur, erster

und zweiter Republik hinweg, so viele Wandlungen erlebt, dan es nur noch in

seinen ungefahren Grundlinien zu erkennen ist. Von der Republik 1931 auBer Kraft

gesetzt, ist es, ais Franco nach 1936 die Kirche wieder in vollem MaBe

restaurierte, in manchen Fallen angewender, in anderen" aber den inzwischen

stark veranderten Verhaltnissen angepaBt worden. Bei dem gewaltigen EinfluB

religionspolitischer Fragén auf die Gesamístruktur des Staates konnten

Differenzen in den Gesprachén zwischen Rom und Madrid nicht ausbleiben, denn es

ging hier nicht nur um ein Konkordat, sondern um die spanische Zukunft

überhaupt. Dementsprechend schleppten sich die Verhandlungen mit zahlreichen

Unterbrechungen dahin. Praktisch ist in vielen Detailfragen Einigung erzíelt

worden, aber der EntschluB, diese isolierten Abmachungen durch ein umfassendes

Konkordat abzurunden, wurde immer wieder hinausgeschoben.

Auf vatikanischer Seite, wo man in solchen Fragén mit der überlieferten

Behutsamkeit der katholischen Kirche zu verfahren pflegt, mogen auch

internationale Bedenken die Reserve gefordert haben. Weder der spanische

Bürgerkrieg noch der zweite Weltkrieg waren der geeignete Moment für ein

Konkordat. Nach 1945 aber schien es angesichts des Druckes, dem das spanische

Regime von vielen Seiten ausgesetzt wae, durchaus ratsam, zunádist die

Entwicklung abzuwaríea. inri Konflikt zwischen Franco und den Monarchisten hat

der Hl. Stuhl zwar die Brücken zum royalistischen Lager nie abgebrochen, aber

die Neutralitat, die er mit Sorgfalt wahrte, wirkte sich am Ende doch zugunsten

des status quo und damít Francos aus. Nachdem inzwischen die Frage der

Restauratíon immer mehr eingeschlafen ist, sich überdies áuch international der

Horizont des Regimes aufgeheitert hat, bieíet Spanien zum ersten Male seit dem

Bürgerkrieg der vatikanischen Diplomatie jene Garantien der Stabilítat, die beim

AbschluB einús Konkordates romische Norm sind.

Hinzu kommt, daB auch in innenpolitischer Beziehung die katholischen

Organisationen immer deutlicher die Entwicklung bestimmen und dafür sorgen, daB

Staat, Falange und Syndikate auf eine einheitliche, durch die groBen

Sozialenr.Vklen vorgezeichnete Linie gebracht werden. Bleiben also im Inneren

kaum noch Wünsche offen, so hat sich Franco auch auBenpolitisch soebea wieder

ais eifríger und nützlícher Helfer der Hl. Stuhles erwiesen. Die guíen

Beziehungen, lie er zum Islam imd besonders zu seinem jüngsten Gast, Konig

Abdullah, uníerhalt, sind dem Schutz der heiligen Statten und der vatikanischen

Interessen in Jerusalem kaum abtraglich.

Hat also Franco beute sowohl innen-, wie sozial- und auBenpol tisch dem Hl.

Stuhl weitaus mehr zu bieíen ais vor einigen Jahren, so kann er andercseifs auch

einíges mehr verlangen. Was Spanien schon lange wünscht — und worauf man in Rom

jetzí einzugehen bereit scheint — ist unter anderem eine umfassende

organisatorijche und verwaltungsteehnische Reform der katholischen Kirche und

eine vollige Neueintcilung der Diozesen, deren Grenzen íich künftig mit denen

der 43 Provinzen des Landes moglíchst genau dekken sellen. Kleínere Diozesen wie

die von Orihuela, Segorbe und Tuy, die auf eine Tradition von Jahrhunderten

yurückblicken, sollen verschwinden oder in die betreffenden Provinzhauptstadte

umgelegt werden, andere werden neu entstehen, was bedeutet, daB Staat und Kirche

noch mehr ineinander aufgehen werden als bisher. Indem die regionale Verwaltung

des Staates in den Provinzen mit derjenigen der Kirche in den Diozesen parallel

— um nicht zu sagen gleichgeschaltet wird, dürfte sich der Hauch von Theokratie,

die Von jeher das Regime durchweht, noch um einiges verdicliten.

Eine empfindliche Frage ist auch die des Primates von Spanien, der durch eine

der ehrwürdigsten Ueberfieferungen der europaischen Geschichte seit

Jahrhunderten an den erzbischoflichen Sítz von Toledo gebunden ist. Schon immer

war es die Absicht des Regimes, den Sitz des Primaten aus der kastilischen

Kleinstadt nach Madrid z.u verlegen, wo bisher nur ein Bischof yorhanden ist,

dem man wegen seiner bedeutsanien Sonderstellung bei Hof und Regierung schon

unter der Monarchie den Titel eines Patríarchen von Indien verlieh. Im Hinblick

auf die Bedeutung, die der Kardinal-primas von Spanien einmal in der

Nachfolgefrage ais Vorsitzender des Kronrates erlangen kann, muB es das

Iníeresse Francos sein, den obersíen Pralaten der Madrider Diozese —, der von

jeher in besonders vertrauten und engen Beziehungen zur Regierung steht — rnit

dieser Würde aüszustatten, was deñnitiv natürlich nur im Fall des Ablebens des

jetzigen Kardinals vün Toledo moglich ist.

Ob der Vatikan, der sich nicht vorschnell von ehrwürdigen Traditionen írennt,

Toledo leichten Herzens preisgeben wird, bleibt abzuwaríen. Die Aímosphare

deutet jedenfalls auf eine weitgehende Bereitschaft zu Entgegenkommen und

Verstandnis. Sie ist durch die Begegnung, die Anfang des Sommers in Katalonien

zwischen Kardinal Tedeschini und Franco stattfand, auf das beste vorbereitet

worden. Auch de.r Abdullah-Besuch und die Einschaltung Francos in die Gesprache

über Jerusalem haben kaum negativ gewirkt. DaB ein glaubiger Sohn Allahs und

direkter Nachfahre des Propheten auf den AbschluB eines Konkordates fórdernd

wirkt, ware gewiB ein Kuriosum, das beweist, daB die Muse der Geschichte auch in

diesen aíomischen Zeiten das Lacheln noch nicht verlernt hat.

 

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